Prof. Dr. Stefanie Reich-Schupke

Fachärztin für Dermatologie & Venerologie // Phlebologie, Lymphologie, Ärztliche Wundtherapie

Ich bin nie nur einen Weg gegangen 

Ich bin Dermatologin. Phlebologin. Wissenschaftlerin. Hochschullehrerin. Unternehmerin. Und seit 2024 auch Podcast-Host. Lange dachte ich, diese Dinge stünden nebeneinander. Heute glaube ich, dass gerade ihre Verbindung meine Arbeit ausmacht.

Meine medizinische Laufbahn begann an der Ruhr-Universität Bochum. Ich studierte Medizin in Bochum und Zürich, wurde Fachärztin, später Oberärztin, habilitierte mich und arbeitete wissenschaftlich vor allem dort, wo Dermatologie und Gefäßmedizin aufeinandertreffen. Der klassische akademische Weg lag vor mir.

Ich verließ ihn. 2013 wechselte ich als Chefärztin für Dermatologie und Phlebologie nach Bad Oeynhausen – an die damals größte phlebologische Fachklinik Deutschlands. Statt universitärer Spezialisierung erlebte ich dort Phlebologie in einer Breite und Fallzahl, wie sie nur wenige Zentren bieten konnten. Es war eine prägende Zeit. Denn hohe Spezialisierung lehrt nicht nur, immer mehr über ein Fachgebiet zu wissen. Sie zeigt auch, wo seine Grenzen liegen.

Dann kam 2017 ein Angebot, das mich wieder an die Universität führte: die Berufung auf die Stiftungsprofessur für Phlebologie an der Ruhr-Universität Bochum und die Leitung des phlebologischen Studienzentrums. Forschung, klinische Studien, Publikationen, Leitlinien, Lehre und die Weiterentwicklung eines vergleichsweise kleinen medizinischen Fachgebiets wurden wieder ein wesentlicher Teil meiner Arbeit.

Und trotzdem blieb eine Frage: Wie möchte ich eigentlich Medizin machen? Nicht: Welcher Titel kommt als Nächstes? Nicht: Welche Position wäre die konsequente Fortsetzung einer akademischen Karriere? Sondern: Unter welchen Bedingungen kann ich die Medizin machen, die ich selbst für richtig halte?

2019 gründete ich daher meine eigene Privatpraxis für Haut- und Gefäßmedizin. Von außen könnte man darin einen Schritt aus den großen Strukturen heraus sehen. Für mich war es ein Schritt zu mehr Verantwortung und mehr Freiheit in der Medizin.

Nach Universitätsklinik, Oberarztposition, Chefarztposition und Professur wollte ich selbst entscheiden, wie ich Medizin organisiere: wieviel Zeit eine sorgfältige Diagnostik braucht, wann eine Behandlung sinnvoll ist – und wann nicht –, wie wissenschaftliche Evidenz in individuelle Entscheidungen übersetzt wird und wie Dermatologie und Gefäßmedizin zusammengedacht werden können.

Ich wollte die Wissenschaft dabei nie verlassen. Bis heute publiziere und lehre ich, arbeite an Leitlinien und wissenschaftlichen Projekten und beschäftige mich intensiv mit phlbeologischen Themen wie Kompression, Sklerotherapie, Lymphödem, Lipödem und den Grenzbereichen zwischen Haut- und Gefäßmedizin.

Aber irgendwann wurde mir noch etwas anderes wichtig: Gutes medizinisches Wissen nützt wenig, wenn es die Menschen nicht erreicht. 2024 habe ich deshalb gemeinsam mit meiner Kollegin Prof. Dr. Birgit Kahle den Podcast „Die Venendocs“ gestartet. Die Idee war einfach: mehr als zwanzig Jahre Erfahrung aus Patientenversorgung, Forschung und Lehre in eine Form zu bringen, die auch außerhalb von Kongresssälen und Fachzeitschriften funktioniert.

Wir sprechen über Krampfadern und Thrombosen, Kompression und chronische Wunden, Lipödem und Lymphödem. Wir erklären wissenschaftliche Erkenntnisse, hinterfragen Mythen und versuchen, komplexe Medizin so verständlich zu machen, dass Menschen daraus bessere Entscheidungen für ihre eigene Gesundheit ableiten können. Aus einer Idee wurden mehr als zwanzig Episoden und über 14.000 Hörerinnen und Hörer (Stand 8/2026). Der Podcast platzierte sich mehrfach in den Top 10 der Podwatch-Charts. 2025 wurden „Die Venendocs“ zudem mit dem 3. Platz des Innovationspreises des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen ausgezeichnet.

Die Reichweite und die Auszeichnung haben mich gefreut. Wichtiger war aber eine andere Erfahrung: Es gibt einen erheblichen Bedarf an fundierter medizinischer Information zwischen dem kurzen Gesundheitsvideo in sozialen Medien und der wissenschaftlichen Publikation. Und wir Ärztinnen und Ärzte sollten diesen Raum nicht anderen überlassen.

Deshalb sehe ich heute auch weiterhin Patientinnen und Patienten. Ich forsche und publiziere. Ich lehre. Ich spreche auf Kongressen. Ich schreibe Fachbücher und -Beiträge. Und ich versuche, medizinisches Wissen auch Menschen zugänglich zu machen, die niemals einen medizinischen Kongress besuchen oder eine Leitlinie lesen werden.

Worauf ich zurückkomme

Zwei Überzeugungen sind über die Jahre immer stärker geworden.

  1. Expertise zeigt sich nicht darin, möglichst schnell eine Antwort zu haben.

Je spezialisierter man wird, desto größer wird die Gefahr, genau das zu sehen, worauf man spezialisiert ist. Nicht jedes geschwollene Bein ist ein Lipödem. Nicht jede sichtbare Varikose erklärt Beschwerden. Nicht jede Veränderung am Unterschenkel ist primär dermatologisch. Manchmal besteht die wichtigste ärztliche Leistung darin, eine scheinbar offensichtliche Diagnose noch einmal infrage zu stellen.

Deshalb beginnt gute Medizin für mich nicht mit der Frage: Was kann ich behandeln? Sondern: Was ist hier tatsächlich das Problem?

  1. Man sollte länger nah an den Patientinnen und Patienten bleiben, als die eigene Karriere es verlangt.

Mit zunehmender akademischer Verantwortung kann man sehr erfolgreich über Versorgung sprechen, ohne sie jeden Tag selbst zu erleben. Ich wollte das nie. Denn in der Sprechstunde zeigt sich, was wissenschaftliche Erkenntnisse wert sind. Dort begegnen einem die Patientinnen und Patienten, die nicht ins Lehrbuch passen. Dort merkt man, welche Empfehlungen im Alltag funktionieren. Dort entstehen Fragen für die Forschung. Und dort merkt man auch, welche Fragen Menschen beschäftigen, die in wissenschaftlichen Diskussionen manchmal gar nicht vorkommen.

Genau deshalb gehören für mich heute Sprechstunde, Wissenschaft und medizinische Kommunikation zusammen. Die Sprechstunde ist nicht der Teil meiner Karriere, den ich irgendwann hinter mir lassen möchte. Sie ist ihr Korrektiv.

Rückblickend war mein Weg weniger geradlinig, als mein Lebenslauf vermuten lässt. Universitäre Ausbildung. Chefarztposition. Professur. Eigene Praxis. Wissenschaft. Podcast.

Ich habe mehrfach eine Position erreicht, die man als Ziel hätte betrachten können – und mich anschließend gefragt, ob sie auch mein Ziel ist. Vielleicht ist das der eigentliche rote Faden. Nicht Titel zu sammeln, sondern Strukturen zu suchen – und manchmal selbst zu schaffen –, in denen gute Medizin möglich ist. Und das Wissen daraus nicht für sich zu behalten.